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„Aus dem Zusammenhang gerissen“

Eine Analyse des Club 2 zum WKR-Ball

Welche Rolle spielt das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Verbreitung von rechtsextremen Einstellungen und Deutungsmustern?
In der Diskussionssendung Club 2 vom 25.01.2012 wurde über „Rechtsextreme am Ball: Wie rechtsextrem sind die schlagenden Verbindungen, und wie weit reichen ihre Seilschaften?“ diskutiert. Zu Gast waren Udo Guggenbichler, Ballorganisator; Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde; Lothar Höbelt, Historiker mit engen Verbindungen zum rechten Lager; Gerhard Botz, Historiker und Professor am Institut für Zeitgeschichte; Wolfgang Jung, Brigadier des Bundesheeres und Burschenschafter sowie Hans Magenschab, CVler und Autor eines Buchs über Burschenschaften. Die einzige Frau war Moderatorin Eva Rossmann.
Die Einladungspolitik des Club 2 ist völlig unverständlich und empörend. Die Tatsache, dass sich deutschnationale Burschenschaften am Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz in der Hofburg mit der europäischen Rechten ein Stelldichein geben, hat zu Recht scharfe Kritik und eine breite Debatte in der Öffentlichkeit ausgelöst.
In diese Auseinandersetzung interveniert nun der Club 2, indem zum Thema Rechtsextremismus überwiegend Rechte eingeladen werden, die die Hauptsendezeit im ORF zur Propagierung ihres menschenfeindlichen Gedankenguts nutzen dürfen. Es ist völlig klar, dass Burschenschafter sich selbst keine Nähe zum Nationalsozialismus attestieren. Warum diese Positionen gleich drei Mal in einer Sendung vertreten sein müssen, kann wohl nur der ORF beantworten. Durch diese Einladungspolitik wird signalisiert, dass rechtsextremes und offen antisemitisches Gedankengut eine Meinung wie jede andere und durchaus diskussionswürdig ist. Der ORF trägt somit dazu bei, dass rechtsextreme Argumente im öffentlichen Diskurs völlig normalisiert werden und sich das gesamte Spektrum des Sagbaren noch weiter nach Rechts verschiebt.

Warum wurden stattdessen nicht mehr Menschen eingeladen, die sich wie Ariel Muzicant oder Gerhard Botz, politisch und wissenschaftlich mit diesen Themen auseinandersetzen? Andere Möglichkeiten hätte es da wohl genug gegeben, das haben die Interventionen und Initiativen der letzten Wochen gezeigt. Darüber hinaus sieht es so aus, ob Frauen als Expertinnen offensichtlich sowieso für den Club 2 nicht in Frage kommen.

Dass die Sendung folglich schlicht skandalös verlief, kaum anzusehen war und an mehreren Stellen hätte abgebrochen werden müssen, ist eine bedrückende Tatsache.
Trotzdem haben wir den Club2 gleich noch einmal über uns ergehen lassen, um im Detail festhalten und somit verdeutlichen zu können, was hier eigentlich alles „zur Diskussion“ stand.

Analyse der und Anmerkungen zur Diskussion im Club 2 vom 25.01.2012:
(Anm: Bei den Kursiv geschriebenen Sätzen handelt es sich um sinngemäße Wiedergaben)

Min 10.40: Jung: Die schmutzige, ungewaschene Klientel von Ellensohn und Öllinger müsste sich erst waschen, Manieren lernen und schön anziehen, um auf den Ball zu kommen.

Gleich zu Beginn stellt Jung klar, wen er, im Gegensatz zur selbsternannten Elite der Burschenschaften für den Pöbel hält. Er bedient dabei Bilder, wie Strache sie schon in seinem Comic verwendet hat und bezieht sich damit auch auf ein rechtes Feindbild mit einschlägiger Tradition. Die Linke stinkt, ist ungewaschen und arbeitsscheu. Das bedeutet im rechten Selbstverständnis auch, dass stinkenden und ungewaschenen Menschen keinerlei Rechte zugestanden werden können, sondern nur sauberen, „reinen“ Eliten.

Min 11.44: Jung: Der Vater des Zionismus war Burschenschafter.

Theodor Herzl verließ unter Protest die Burschenschaft Albia zu Wien im Jahr 1883 infolge antisemitischer Anfeindungen. Die Strategie der Entlastungszeug_innen wird gerne von rechtsextremer Seite angewandt. Dabei werden konträr eingestellte Menschen zu Vorgängern in deren Lagern zitiert. Das passiert z.B. wenn Migrant_innen zitiert werden, die anderen Migrant_innen eine mangelnde Integrationsfähigkeit attestieren.
Als Entlastungszeug_innen für Burschenschafter werden gerne Karl Marx, Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Victor Adler oder, als aktuelles Beispiel, Michael Häupl als Burschenschafter angeführt, die angeblich voller Überzeugung in der burschenschaftlichen Tradition stehen. Wie bei Herzl verschweigen Rechtsextreme aber gerne 2/3 der Wahrheit. Heine, Adler, Herzl verließen die Burschenschaft oder wurden hinausgeworfen aufgrund antisemitischer Diskriminierung. Auch Nietzsche war kein Paradeburschenschafter, sondern hat eher mal kurz reingeschnuppert, und verließ seine Verbindung bald wieder. Bei Nietzsche und Marx (bei dem eine Mitgliedschaft keineswegs gesichert ist) muss zudem gesagt werden, dass es damals auch noch eine liberal-bürgerliche burschenschaftliche Tradition gab, die bis Ende des 19. Jahrhunderts völlig von einer deutschnationalen-antisemitischen verdrängt wurde. Wenn Burschenschafter sich heute in die Tradition einer bürgerlich-demokratischen Revolution stellen, beziehen sie sich auf jene liberalen Positionen, gegen welche die „Urburschenschaft“ in Jena gerade gegründet wurde. Entgegen der korporierten Legenden war Antisemitismus fixer Bestandteil des burschenschaftlichen Lebens. Michael Häupl distanziert sich von seiner Pennäler-Zeit und ist demnach ein genauso schlechter Entlastungszeuge wie alle anderen genannten. Zudem blenden Rechtsextreme bei den Erstgenannten völlig aus, dass es inzwischen zwei Weltkriege gegeben hat und sie nicht einfach kontextlos an irgendeinem beliebigen Punkt in der Geschichte anknüpfen können.

Min 12.20. Jung: Die Innenministerin hat in einer parlamentarischen Anfrage gesagt, dass es keinen Rechtsextremismus im Zusammenhang mit dem WKR-Ball gibt.

Das hat Mikl-Leitner so nicht gesagt. Vielmehr hat sie die 30 Fragen von Öllinger, Freundinnen und Freunden, pauschal mit „nein“ oder „nicht zuständig“ beantwortet. Dies zeugt mehr von einem Unwillen des Innenministeriums, sich mit dem Thema überhaupt auseinanderzusetzen bzw. parlamentarische Anfragen ernst zu nehmen.
Auf die Frage: „2. Handelt es sich nach Einschätzung der Behörde beim Wiener Korporations Ring um eine rechtsextreme Gruppierung bzw. um eine Vernetzung rechtsextremer Gruppierungen?”
lautet die Antwort: “Studentenverbindungen bzw. deren Mitglieder und die damit verbundenen Veranstaltungen sind für die Sicherheitsbehörden nur im Zusammenhang mit sicherheitspolizeilichen oder strafrechtlich relevanten Umständen von Interesse.”
Die Fragen 13-30 beantwortet Mikl Leitner schlicht mit „Nein“. Darunter sind Fragen wie: „29. Ist Ihnen bekannt, ob BesucherInnen des Balls oder ehemalige bzw. aktive Mitglieder der diversen Arten von Schüler- oder Studentenverbindungen an paramilitärischen Übungen, bzw. sogenannten ‘Wehrsportübungen’ im Inland teilgenommen haben?”
Vergleiche dazu den Bericht im ORF:
http://www.myvideo.at/watch/7806856/Hei … _2_24_3_09
Oder:“19. Ist Ihnen bekannt, ob RechtsextremistInnen oder Neonazis aus dem Ausland am Ball teilnehmen werden oder teilgenommen haben?” Die Antwort: Nein. In der Anfrage werden zu Beginn jedoch die prominenten Gäste, die an WKR-Bällen teilgenommen haben, von Öllinger, Freundinnen und Freunden aufgezählt, darunter: Jörg Hähnel, NPD und „Nationaler Liedermacher“, der sich an Gedenkkonzerte für ehemalige SS-Angehörige beteiligt. Andreas Molau, NPD pro NRW, Alexander Dugin, ein russischer Rechtsextremist, uvm.

Einzusehen ist die Anfrage sowie die Beantwortung hier: http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXI … ndex.shtml

Min 16.12: Muzicant: In den 60ern gab es aufgrund eines Burschenschafters sogar einen Toten!Jung: Der unglücklich hingefallen ist auf die Straße!

Ariel Muzicant weist auf die Borodajkewycz-Affäre hin. Taras Borodajkewycz, WU-Professor, stand an der Universität für eine Kontinuität zum Nationalsozialismus und fiel wiederholt durch nationalsozialistische und antisemitische Ausfälle auf. Nachdem diese öffentlich wurden (durch den damaligen Studenten Heinz Fischer), kam es zu Demonstrationen gegen Borodajkewycz. Der Ring Freiheitlicher Studenten, die Studierendenorganisation der FPÖ, organisierte Gegendemonstrationen. Bei diesen wurde Ernst Kirchweger, KZ-Überlebender und Widerstandskämpfer, von einem Burschenschafter so schwer verletzt, dass er einige Tage darauf starb. Er war damit das erste politische Todesopfer in der zweiten Republik.
Jung banalisiert diesen Mord, indem er ihn als „unglücklichen“ Fall auf die Straße tituliert.

Min 17.40: Muzicant: Viele Burschenschafter waren Nazis, z.B. Ernst Kaltenbrunner war bei der Arminia Graz.

Die Liste lässt sich beliebig weiterführen (diese Leute blieben bis an ihr Lebensende Burschenschafter und wurden nicht wie die oben genannten ausgeschlossen oder sind gegangen, sondern gelten heute noch als „Alte Herren“):
Ernst Kaltenbrunner – Arminia Graz
Heinrich Himmler – Apollo München
Otto Skorzeny – Markomannia zu Wien
Josef Mengele – Burschenschaft unklar
Irmfried Eberl – Germania Innsburck
Otto Meißner – Straßburger Burschenschaft Germania
Gerhard Lausegger – Suevia Innsbruck
In zweiter und dritter Reihe der NSDAP lässt sich die Liste mit vielen, hunderten Namen weiterführen.

Min 18.57: Höbelt zum Gedenktag: Mozart hat am 27.01 auch Geburtstag. Ebenso ist der Geburtstag meiner Schwester ein wichtiges Datum. Jede Familie hat verschiedene wichtige Tage.

Höbelt suggiert, dass der Tag der Befreiung von Auschwitz nur die „Familie“ der Nachkommen der Opfer betrifft. Mit der der Gleichsetzung zum Geburtstag seiner Schwester banalisiert er die Bedeutung und Wichtigkeit des Tages, die ALLE Menschen etwas angeht. Er tut so, als wären die nationalsozialistischen Verbrechen ein Problem der Juden und Jüdinnen, die halt jetzt damit umgehen müssen. Die Täter_innen müssen sich offenbar damit nicht auseinandersetzen. Der Tag sei ein beliebiger Tag neben vielen anderen.

Min 19:40: Höbelt: Wir sind hier als Privatleute. Privates mit Politischem mischen ist totalitär.

Abgesehen davon, dass er als Historiker die letzten 20 Jahre Sozial- und Geisteswissenschaft ignoriert und tatsächlich die Aussage trifft, dass Privates und Politisches zwei strikt voneinander getrennte Bereiche sind, wendet sich die Aussage offensichtlich gegen Ariel Muzicant. Er unterstellt Muzicant nur für sich und nicht für die Juden und Jüdinnen Österreichs sprechen zu können. Höbelt spricht Muzicant einfach seine Funktion als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde ab. Auch Höbelt wurde (höchst problematischer Weise) als Historiker und nicht als Privatmann Lothar Höbelt eingeladen. Die ganze Sendung über wurde außerdem versucht, den Ball als „unpolitische Tanzveranstaltung“ in ein besseres Licht zu rücken. Gegen eine Privatveranstaltung (die dieser Ball nicht ist) zu demonstrieren sei „totalitär“.
Das delegetimiert nicht nur das Recht auf Versammlungsfreiheit, sondern bemüht sich auch darum, die hochpolitische Vernetzungsfunktion des Balls zu leugnen. Der Ball ist ein jährlicher Kristallisationspunkt der europäischen Rechten.

Min 23.40: Magenschab: Seit Wojtyla und Kardinal König gibt es keinen Antisemitismus mehr in der katholischen Kirche.

Abgesehen davon, dass die katholische Kirche ihre Rolle in der NS-Zeit nie aufgearbeitet hat und hochrangige Vertreter derselben sehr vielen NS-Größen (wie dem glühenden Antisemiten Adolf Eichmann) zur Flucht verholfen haben (Stichwort Rattenlinie, ODESSA und Stille Hilfe), gibt es auch heute noch Antisemitismus in der katholischen Kirche. Die holocaustleugnende Pius Bruderschaft wurde unlängst von Papst Benedikt rehabilitiert. Auch ein antijudaistisches Ostergebet, das den Juden den Tod von Jesus vorwirft, wurde wieder in den Kanon aufgenommen.

Min 27.30: Jung: Glauben Sie, ich habe meine Volkszugehörigkeit mit dem Erhalt von irgendwelchen Papieren [Anmk: der österreichischen Staatsbürgerschaft] abgelegt?

Spätestens hier outet sich Jung als Deutschnationaler. Er unterscheidet, wie im rechtsextremen Spektrum üblich, zwischen Volkszugehörigkeit und Staatsbürgerschaft. Letztere lässt sich erwerben, Erstere ist biologisch angeboren. Damit wird eine biologisch konstituierbare, genetisch verbundene Gemeinschaft von Menschen suggeriert, die per Geburt und Blut zusammengehört. Dabei spielt es erstmal keine Rolle, wenn diese unterschiedlichen Staaten angehört, auch wenn Staat, Nation und Volk im Idealzustand der rechtsextremen Vorstellung eins sind. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass nicht alle Leute, die eine Staatsbürgerschaft besitzen, Teil dieser Gemeinschaft sein können. Rechte ergeben sich über das Volk, nicht über die Staatsbürgerschaft.

Min 29.38: Muzicant: In einer Festschrift der Teutonia von 1968 wird gesagt, dass das ‘Judentum eine biologische und wirtschaftliche Gefahr für unser Volk ist”
Jung: Das ist aus dem Zusammenhang gerissen!!!!

WTF?! In welchem Zusammenhang ist diese Aussage denn bitte gültig und nicht antisemitisch? „Aus dem Zusammenhang gerissen“ ist das beliebteste Credo der Rechten in dieser Sendung und überhaupt bei ihren diversen Rechtsverteidigungs- und Verharmlosungsversuchen, wenn sie nicht mehr leugnen oder verdrehen können. Es ist eine Zumutung, dass über solche Aussagen, die in jedem Zusammenhang rechtsextrem, antisemitisch usw. sind, überhaupt diskutiert wird.

Min 31.40: Jung: Burschenschaften waren im Nationalsozialismus verboten.

Diese Aussage wird durch häufiges Wiederholen auch nicht wahrer. Die deutschnationalen Burschenschaften lösten sich freiwillig auf und gingen freudig in den NS-Einheitsstudentenbund über. In den Burschenschaftlichen Blättern ist klar nachzulesen, wie sehr sie die NSDAP, als sie an die Macht kam, bejubelten. In Österreich kämpften die deutschnationalen Burschenschaften lange (und als große Stütze von Georg Schönerer) um den Anschluss an Deutschland nach völkischen und antisemitischen Gesichtspunkten. Noch vor 1938 setze sich auch in Österreich bei einigen Burschenschaften das Führerprinzip durch. Der „Arierparagraph“ fand schon 1820 an einem geheimen Burschentag in Dresden eine Mehrheit.

Min 33.37: Höbelt: Primarius Scrinzi wollte als Erster einen europäischen Bundesstaat.

„Primarius“ Otto Scrinzi hat während des Nationalsozialismus Medizin studiert und am Institut für „Rassen- und Erbbiologie“ in Innsburck gearbeitet. Er behauptete von sich selbst, „schon in der NSDAP zu den Rechten gehört zu haben“. Er war SA-Sturmführer und Mitglied der NSDAP, später Landesobmann des „Vereins der Unabhängigen“ (VdU), dann Abgeordneter der FPÖ.

Heute gibt es drei große Richtungen bezüglich Europavorstellungen innerhalb des Rechtsextremismus: 1. die Nationalstaatliche, die ein ‘Europa der Nationen’ bzw. ‘Europa der Völker’ vertritt, 2. die Neoimperale, die von einer ‘Nation Europa’ als Gegengewicht zu den USA träumt und 3. die Regionalistische, die sich ein föderales Europa der Regionen. Erstere wird vor allem von dem Front National und der Strache-FPÖ vertreten, Zweiteres von der NPD und Drittes war das bevorzugte Modell der Haider-FPÖ.

Alle diese Richtungen gehen von einem homogenen „Volk“ aus. Sie wollen also homogene Gemeinschaften, welchevoneinander abgeschottet agieren. In einem „Europa der Nationen“ sind das verschiedene Nationalstaaten, in einer „Nation Europa“ wird Europa selbst zur Nation und beim regionalistischen Modell übernehmen Regionen diese Funktion. In einer modernisierten Version des Rechtsextremismus wird nicht mehr von einer Höher- oder Minderwertigkeit verschiedener Nationen ausgegangen. Wichtig ist nur, dass alle abgeschottet und homogen „unter sich“ bleiben und es zu keiner „Vermischung“ kommt. Dieses weltweite System der Apartheid nennen sie „Ethnopluralismus“. Oft werden in einer rechtsextremen Rhetorik „Rasse“ und „Volk“ durch „Kultur“ ersetzt. Die Begriffe bleiben aber synonym zueinander und werden in letzter Konsequenz biologisch begründet.

Min 38.10: Jung: Ich habe mich dafür eingesetzt, dass Linksextremismus in den Verfassungsschutzbericht kommt bzw. dass es einen gesamten Bericht zu Extremismus gibt.

Die Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus ist ein beliebtes Hobby von rechts. Diese Vorstellung fußt im Historikerstreit zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas. Ersterer sah im Nationalsozialismus eine Reaktion und einen Abwehrkampf auf den Stalinismus. Auch die Konzentrationslager hätten ihre Vorläufer in den Gulags gefunden. Dieses Denken führt heute zur „Extremismustheorie“ und „Extremismusklausel“, die in Deutschland antifaschistische Arbeit kriminalisert und mit neo-nationalsozialistischem Terror gleichsetzt.

Min 38.20: Muzicant: Mit 2000 wurden die Burschenschaften aus dem Verfassungsschutzbericht rausgenommen.

 Mit der schwarz-blauen Regierung tauchten die Burschenschaften nicht mehr im Verfassungsschutzbericht auf. Dafür erhielten rechtsextrem eingestufte Zeitungen wir Zur Zeit nun Pressförderung.

Min 38.54: Rossmann: Bei der Olympia war ein gewisser Frank Rennicke zu Gast, der das Buch ‘Mit 6 Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an’ geschrieben hat.

Es ist schlichtweg peinlich, wie schlecht die Club 2 Redaktion recherchiert hat. Frank Rennicke ist „Liedermacher“ der neonazistischen Szene und wurde von der NPD für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen. Alle Medien haben dies konsequent ignoriert und ihm keinen Raum gegeben. Er hat viele, mittlerweile indizierte, neonazistische Lieder geschrieben und wurde mehrfach wegen Volksverhetzung verutreilt. Das Besagte wurde aber von Michael Müller auf die Melodie von Udo Jürgens’ „Mit 66 Jahren, da fängt der Spaß erst an“ umgedichtet. Michael Müller (mittlerweile tot) war einer der beliebtesten „Liedermacher“ der rechtsextremen und neonazistischen Szene und auch Gast bei der Wiener Burschenschaft Olympia (bei der der dritte Nationalratspräsident Martin Graf Alter Herr ist), ebenso wie Jörg Hähnel, David Irving und viele mehr eingeladen wurden. Auch Frank Rennike.
Es spielt jedoch gar keine Rolle, wer von denen wann da war und welches Lied gespielt (oder auch nicht) wurde – ihre bloße Einladung spricht Bände über die gastgebende Burschenschaft. Anstatt diese Tatsache als eine von vielen Gründen gelten zu lassen, nicht mit Vertretern dieses Milieus zu diskutieren, fragt die Moderation ernsthaft, was die anwesenden Rechten denn dazu zu sagen hätten.

Min 40.50: Rossmann: Warum sind das eigentlich Männerbünde?
Jung: Wir Männer wollen einmal unter uns sein. Es gibt ja auch Frauenorganisationen, sogar ganz rabiate, die von der Stadt Wien gefördert werden
.

Hier wird Retorsion angewandt. Einer Gesellschaft, die Frauen strukturell benachteiligt frauenfördernde Strukturen entgegenzusetzen ist nicht vergleichbar mit Männerbünden, die sich elitär in verschiedene Positionen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik hieven, wie es der Cartellverband und Burschenschaften eben tun.

Min 46.56: Botz: Im Nationalsozialismus gab es viele Akademiker.
Jung (spöttisch): Aber nicht in der SA.

Was meint Jung wohl damit? Fakt ist, dass es im Nationalsozialismus einen inner-nationalsozialistischen Konflikt zwischen SA und SS gab. Die SS verstand sich als Eliteorganisation, während sie die SA als plumpen, unakademischen Haufen wahrnahm. Die Streitigkeiten zwischen den beiden Flügeln gipfelten im sogenannten Röhm-Putsch, der die SA-Führung ausschaltete und der SS eine große Machtposition innerhalb des NS sicherstellte. Damit wurden die brutalen Schlägertrupps der SA, die dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen hatten, an einem bestimmten Punkt der Etablierung des NS kalt gestellt. Die SS übernahm fortan das Kommando und setzte sich auf wichtige Positionen innerhalb des Systems. Sie war für die Konzentrations- und Vernichtungslager verantwortlich. Sie bildete die Leibgarde Hitlers. Ihr bewaffneter Arm (Waffen-SS) verübte schwere Kriegsverbrechen in ganz Europa. Die Mitgliedschaft war freiwillig und die Leute wurden nach völkischen Gesichtspunkten ausgewählt. Der zivile Flügel versuchte sich etwa in Züchtungsexperimenten von „arischen“ Kindern. Zu diesem Zweck wurden norwegische Frauen mit deutschen, „arischen“ SSlern zusammengeführt, die diese schwängerten. Diese bekamen in Lebensborn-Heimen Kinder, die für den NS das Ideal darstellten.

Min 50.46: Ariel Muzicant schildert seine persönliche Betroffenheit und das Ausmaß der Shoah.
Jung: Ich verstehe das. In meiner Familie wurden Menschen ermordet, weil sie Deutsche waren, genauso wie die Anderen, weil sie Juden waren.

Diese Aussage ist dermaßen dreist und skandalös, dass es schlimm genug ist, sich damit überhaupt auseinandersetzen zu müssen. Hier wird die Shoah durch den gezogenen Vergleich krude relativiert, indem die systematische und minutiös geplante Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen mit der Geschichte Sudetendeutscher gleichgesetzt wird. Die Vernichtung von Juden und Jüdinnen wurde von staatlicher Seite bürokratisch bis ins Letzte geplant, vorbereitet und durchgeführt. Ziel war es, die gesamte jüdische Bevölkerung Europas zu vernichten, weil sie Juden und Jüdinnen waren bzw. von den Nazis als solche klassifiziert wurden. Ihre bloße Existenz machte sie zu Opfern nationalsozialistischer Vernichtungsphantasien. Dies ist nicht vergleichbar mit „bloßem“ Mord.

Min 51.28: Jung: Genauso wie Ihnen Eigentum gestohlen wurde, Herr Muzicant, wurde meiner Familie gestohlen.

→ Bei dieser Aussage rinnt einem ein kalter Schauer über den Rücken. Zum wiederholten Mal setzt Jung Opfer und Täter_innen gleich. Die Enteignung und „Arisierung“ jüdischen Eigentums wurde von staatlicher Seite systematisch geplant und brutal durchgeführt. Es stand ein nüchternes und präzises System hinter Enteignungen und Vernichtungen. Die Nazis versuchten bis zum Letzten, Profit aus ihren Opfern zu schlagen. Davon zeugen in unbeschreiblicher Weise z.B. Exponate in der Gedenkstätte Auschwitz, wo tonnenweise menschliche Haare gesammelt wurden, um weiterverwertet zu werden. Auch die letzten Habseligkeiten der Opfer wurden nach deren Vernichtung von den Nazis weiterverwendet. Den Leichen wurden sogar noch die Zähne ausgebrochen, um etwaige Goldfüllungen zu finden.
Diese Perfidität, Brutalität und Präzision in der Planung ist mit Nichts vergleichbar.

Min 51.39: Jung (zu Ariel Muzicant): Ich reagiere auf „die“ nicht mit Hass. (Anm.: Die, die Jung „Eigentum“ gestohlen hätten)

→ Auch diese Aussage ist schlichweg unfassbar. Abgesehen davon, dass Jung sich herausnimmt, Ariel Muzicant zu unterstellen und zugleich vorzuwerfen, dieser hätte unberechtigterweise Hass auf die Täter_innen (also die Nazis), ,schlägt er quasi vor, dass Muzicant sich doch aussöhnen sollte. Er stellt sich damit auch moralisch über Muzicant, weil er quasi trotz des suggerierten selben Schicksals nicht mehr auf Hass angewiesen ist.
Außerdem sieht Jung den Hass auf die Täter_innen als unangebracht an. Als dürfe mensch die Nazis nicht abgrundtief verachten und hassen. Warum das nicht der Fall sein solle, bleibt unklar.
Das ist eine unheimliche Frechheit und zutiefst antisemitische Geringschätzung gegenüber dem Verbrechen, das an der jüdischen Bevölkerung während der Zeit des Nationalsozialismus begangen wurde.

Jungs Familiengeschichte ist in diesem Zusammenhang völlig belanglos. Es geht nicht um ihn. Es geht um den Holocaust und insbesondere die Shoah. Anekdoten aus seinem Leben sind einfach völlig irrelevant.

Min 51:52: Rossmann (zur Shoah-Relativierung von Jung): „Das ist ein ganz spannendes eigenes Thema.“

→ Allerspätestens jetzt hätte die Moderatorin die Sendung abbrechen müssen. Rossmann erkennt den Antisemitismus, die Relativierungen, die Unmöglichkeit dieser Meldungen sowie überhaupt die völlig untragbare Situation nicht als solche. Es passiert eine antisemitische Äußerung nach der Anderen, gefolgt von unsäglichen Verharmlosungen und Relativierungen der Shoah. Hier zeigt sich ihre Hilflosigkeit ob der Situation. Der Vorwurf richtet sich aber mehr gegen den ORF und die Macher_innen der Sendung. Mit der Einladungspolitik haben sie diese Situation selbst geschaffen. Offenbar wurde Frau Rossmann auf diese Sendung nicht genug vorbereitet, was auch schlecht recherchierte Fakten zeigen.

Min 53.01: Höbelt: Die Emotionen des Herren Muzicants sind nicht geeignet, ein wohlwollendes Entgegenkommen zu provozieren.

→ Es zeugt von einem antisemitischen Grundgestus, dass sich die drei rechten Herren die ganze Zeit auf Herrn Muzicant einschießen, seine Glaubwürdigkeit als Person untergraben und herabsetzen. In einer Diskussion jemanden als „emotional“ zu bezeichnen wird als Strategie nur eingesetzt, um die Argumente des_der Anderen zu delegitimieren. Aber wenn wir schon dabei sind: Jung kläfft die ganze Sendung aus seiner Ecke wie ein scharfgemachter Schäferhund. Dies wird aber nicht von Herren Höbelt kritisiert.

Min 53.25: Höbelt: Die Überlebenden, die Täter, die Opfer – wie immer Sie das nennen wollen. Heute ist das eine Gruppe von sehr alten, ehrenwerten Menschen.

→ Die Überlebenden und Widerstandskämpfer_innen sind das. Die Täter_innen sicherlich nicht. Warum nennt Höbelt sie in einem Atemzug? Warum setzt er sie gleich? Warum bricht nicht hier die Sendung ab? Auch alte Nazis sind Nazis. Die Frechheit, sie in einer Gruppe gleich zu setzen ist unfassbar widerlich.

Min 54.10: Höbelt: Die unmittelbaren Opfer hatten andere Sorgen. Wir führen heute eine Luxusdebatte.

→ Geht’s eigentlich noch? Heißt das, dass eine seriöse Debatte über Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus eine Luxusdebatte ist? Und das sagt ein Historiker?

Std. 1:03:15: Höbelt: Der Front National hat 20%, das können keine Extremen sein.

→ Das ist schlichtweg ein dummes Argument. Antidemokratische Einstellungen richten sich nicht nach Wahlzustimmung. Auch eine Mehrheit kann antidemokratisch sein. Die Wahl 1933 bescherte der NSDAP auch 43,9%, obwohl die NSDAP eine klar rechtsextreme Partei war.

Std. 1.04.10: Höbelt: Mölzer vernetzt sich mit viel Hingabe mit verschiedenen Parteiverbänden- sowie die Linke.“

→ Er vernetzt sich z.B. mit Ataka, einer bulgarischen, rechtsextremen Partei, die üble antisemitische Parolen sowie eine Liste mit bekannten bulgarischen Juden und Jüdinnen unter der Überschrift „Die Juden sind eine von der Pest verseuchte, gefährliche Rasse, die es verdienen würde, von der Geburt an entwurzelt zu sein.“ auf ihrer offiziellen Webseite veröffentlichte.
Die Jobbik betreibt in Ungarn eine massive Hetze gegen Roma und Sinti und fällt durch ihren Antisemitismus sowie ihre paramillitärische Miliz auf, die durch ungarische Dörfer patrouilliert.
Weitere Schwesternparteien der FPÖ sind der Vlaams Belang, die BNP, die NPD/DVU, die Pro-Bewegungen, die Schwedendemokraten, die Wahren Finnen, der Front National, die Lega Nord und viele weitere rechtsextreme Parteien.

Std. 1.05.30: Höbelt: Hier in diesem Raum wurde einmal gesagt, dass Maggie Thatcher rechtsextrem ist. Da stelle ich mich gerne dazu.

→ Gerade diese Anschlussfähigkeit an das bürgerlich-neoliberale Lager stellt eine große Gefahr dar. Kapitalismus und Rechtsextremismus schließen einander nicht aus – im Gegenteil, gerade die selbsternannten Eliten der Burschenschaften sind in Politik und Wirtschaft bestens vernetzt, weil sie – trotz Differenzen ¬– ein gemeinsames antiegalitäres, und häufig auch sozialdarwinistisches Gesellschaftsbild teilen, frei nach dem Motto: der Stärkere gewinnt.

Std. 1.05.36: Höbelt: Der Nationalsozialismus war eine Mischung aus links und rechts.

→ Der Nationalsozialismus war und ist natürlich eine rechtsextreme Ideologie, die von einer biologischen Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von Menschen ausgeht. Der Termius „Sozialismus“ wurde als Modebegriff miteingebunden. Oswald Spengler versuchte 1919 in ‘Preußentum und Sozialismus’ einen nationalen Sozialismus zu beschreiben. Dieser baut nicht auf Marx, sondern auf völkischen und nationalen Gesichtspunkten auf. Er hat nichts mit linken Ideologien zu tun. Der Nationalsozialismus bediente sich fleißig am
Stichwortreservoir der ‘Konservativen Revolution’, zu der Spengler auch zählte.

Std. 1.15.10: Muzicant: Armut ist etwas, mit dem wir nicht leben können.
Jung: Das sagt ausgerechnet der Häusermakler!

→ Schon wieder ein antisemitischer Ausbruch Jungs. Er bedient das nationalsozialistische, antisemitische Klischee des ‘reichen, wuchernden und schachernden Juden’.

Wieso, lieber Club 2, muss mensch das über sich ergehen lassen? Ist das eure Vorstellung einer seriösen Diskussionssendung? Wieso wurde die Sendung nicht abgebrochen? Wieso wurde bei den antisemitischen Aussagen nicht interveniert? Wieso wird rechtsextremer Ideologie so ein großer Raum verschafft? Warum wird so getan, als könnte mensch über die aufgezählten Sachen (insbesondere die historischen Fakten) überhaupt diskutieren? Wieso wurden keine anderen Personen (neben Herrn Muzicant und Herrn Botz) eingeladen, die sich mit der Thematik auskennen? Wieso wurden drei Rechte, aus dem gleichen geistigen Milieu stammend, eingeladen?

Offensive gegen Rechts