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Burschenschaften, mehr als lustige Kapperl?

Burschenschaften gibt es in unterschiedlich politischen, rechtsstehenden Ausformungen. Es gibt katholisch-reaktionäre, oft monarchistische Burschenschaften, die in Österreich auch die Mehrheit der Burschenschaften bilden. Diese sind im Cartellverband (CV) organisiert. Weiters gibt es deutschnationale, rechtsextreme Verbindungen, zum Beispiel jene, die im Wiener Korporationsring organisiert sind.

In Deutschland ist die burschenschaftliche Szene politisch differenzierter, dort gibt es auch gemäßigtere rechte Verbindungen, was auch immer wieder zu Spaltungen der burschenschaftlichen Szene führt. Für Österreich trifft dies nicht zu. Neben der Partei, der sie nahe stehen, unterscheiden sich die katholischen von den deutschnationalen Verbindungen auch in der Frage „schlagend“ oder „nicht schlagend“. Die katholischen Verbindungen sind „nicht schlagende“ Burschenschaften, die Deutschnationalen sind „schlagend“. Das heißt, dass Letztere Mensur fechten. Bei diesem Initiationsritual wird nach eigenen Regeln gefochten  (so müssen die Fechter beispielsweise auf der Stelle stehen ohne die Füße zu bewegen). Ziel ist es, eine gut sichtbare Narbe im Gesicht, welche Zugehörigkeit zu einer Burschenschaft und Männlichkeit repräsentieren soll, davonzutragen.

Gemeinsamkeiten

Gemein ist allen Verbindungen, dass sie männerbündisch sind, das heißt, dass Frauen nicht gleichwertig aufgenommen werden können. Im katholischen Bereich gibt es Mädchenverbindungen und sogar einige gemischte Verbände. Diese machen aber nur einen sehr kleinen Prozentsatz aus. Zweites wichtiges Merkmal ist die elitäre Grundhaltung. In ihrem Selbstverständnis sehen sie sich als akademische Elite, die durch ihren Lebenswandel und Studienfortschritt besticht. Steht eines der beiden in Frage, riskieren die Mitglieder ihren Rausschmiss. Ein weiteres Merkmal ist ihre Ungleichheit nach innen. Intern gibt es eine strenge Rangordnung. Um in ihr aufzusteigen, muss mann sich immer wieder beweisen und Rituale durchleben. Neulinge sind „Füxe“, über die die „Burschen“ in einer strengen Hierarchie bestimmen können. Diese beiden Gruppen bilden den „Aktivias“. „Burschen“, die ihr Studium beendet haben, werden zu „Alten Herren“, die ihrer Burschenschaft ein Leben lang verbunden bleiben. Das ist ein viertes gemeinsames Merkmal – der Lebensbund, oder, um es etwas weniger blumig auszudrücken: Seilschaften. Der katholische Cartellverband ist die größte (Männer)Seilschaft, derer mann sich gewiss sein kann. CVler sitzen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens sowie in vielen Bereichen der Privatwirtschaft. Die deutschnationalen Burschenschaften sind dank der FPÖ-Regierungsbeteiligungen von 1999 bis 2007 ebenfalls in viele Bereiche vorgedrungen. Die FPÖ rekrutiert ihre Kader vornehmlich aus diesem Kreis. So sind heute von 36 Abgeordneten des Nationalrats zehn in deutschnationalen Burschenschaften organisiert. Zu diesen 36 Abgeordneten zählen allerdings auch die weiblichen Abgeordneten, die ja keinen Zugang zu den Männerbünden haben. Werden die sechs Frauen also weggezählt, sind fast die Hälfte aller männlichen Abgeordneten „Alte Herren“ einer Burschenschaft[1]. Im Wiener Landtag ist das Verhältnis ähnlich hoch[2]. Beim CV und der ÖVP dürfte die Quote noch höher sein (u.a. Spindelegger und Mitterlehner), wenngleich prominente Ex-ÖVPler wie Martin Bartenstein auch Mitglieder von deutschnationalen Burschenschaften (Bartenstein ist Alter Herr des Akademischen Turnvereins Graz) sind.

Unterschiede

Neben der Mensur ist auch die politische Ausrichtung eine Andere. Während der CV katholisch-reaktionär ist und Gestalten wie den austrofaschistischen Diktator Dollfuß zu seinen Ehrenmitgliedern zählt, so stehen die schlagenden Burschenschaften in einer klar deutschnationalen Tradition. Die Geschichte dieser Burschenschaften beginnt 1815 in Jena mit der Gründung der Urburschenschaft. Eine anfangs durchaus liberal-nationale Weltanschauung wandelte sich bald zu einer nationalistisch-völkischen. In internen, antisemitischen Säuberungen wurden Mitglieder wie Heinrich Heine ausgeschlossen. An der Revolution von 1848 waren die deutschen Burschenschaften intensiv beteiligt, genauso wie an der Entstehung eines deutschen Nationalbewusstseins mit der Abgrenzung gegen Feind_innen nach innen (Juden und Jüdinnen) sowie nach außen (Frankreich).

In Österreich kam es etwa ab den 1860ern zur Gründung deutschnationaler Burschenschaften. Noch vor der Jahrhundertwende gab es in den meisten Verbindungen den Arierparagraphen. Ab 1919 waren die österreichischen Burschenschaften auch im Bund deutscher Burschenschaften vertreten. Sie waren von Anfang an eine Stütze von Georg von Schönerer, der den „Anschluss“ an Deutschland schon früh herbeisehnte und sich in einem rabiaten Antisemitismus suhlte.

Deutschnationale Burschenschaften und Nationalsozialismus

Die deutschnationalen Burschenschaften wurden im Nationalsozialismus nicht aufgelöst, wie sie heute gerne behaupten. Nach dem „Anschluss“ wurden die katholischen Burschenschaften als Verfechterinnen des Austrofaschismus verboten und aufgelöst. Alle anderen wurden in den „nationalsozialistischen deutschen Studentenbund“ überführt, der nationalsozialistischen Einheitsburschenschaft. In den „burschenschaftlichen Blättern“, der Vereinszeitschrift der deutschen Burschenschaft, ist gut dokumentiert, wie begeistert sie über den Nationalsozialismus waren.[3]

Eine große Zahl bekannter und ranghoher Nationalsozialisten war Burschenschafter. Viele Burschenschaften listen sie auch heute noch – nicht ohne Stolz – als Ehrenmitglieder. Darunter z.B. Joseph Goebbels, Joseph Mengele und Irmfried Eberl (Lagerarzt im Vernichtungslager Treblinka).

Deutschnationale Burschenschaften heute

Durch das Verbotsgesetz waren Burschenschaften in Österreich anfangs in ihrer Agitation beschränkt. Sie agierten nicht mehr so offen wie in der 1. Republik, da sie sich als Verlierer des Kriegs sahen. Das zeigt sich auch in den jährlich stattfindenden Trauermärschen am 8. Mai. Viele suchten sich neue Betätigungsfelder wie die „Südtirolfrage“: Aufgrund ihrer Verstrickungen in die rechtsextremen Terroranschläge des „Südtiroler Freiheitskampfes“ wurde die Burschenschaft Oylmpia von 1961-1973 verboten. Martin Graf, 3. Nationalratspräsident, ist „Alter Herr“ dieser Verbindung.

Ab den 80ern verstärkten sich die Aktivitäten der Burschenschaften erneut. Viele von ihnen rückten ins Zentrum der rechtsextremen und neonazistischen Szene Österreichs. Das zeigt sich unter anderem in Verstrickungen und Hausdurchsuchungen im Zusammenhang mit den Briefbombenattentaten oder in der burschenschaftlichen Einladungspolitik, die Leute wie Michael Irving, Frank Rennicke oder zuletzt den selbsternannten „Rassenforscher“ Philipp Rushton miteinbezieht.

 


[1]          Siehe: http://www.thinkoutsideyourbox.net/?p=2698 (Anmk.: Strache ist kein Akademiker und dementsprechen in einer pennalen Burschenschaft organisiert)

[2]          Siehe: http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/607829/Wiener-FPOe_Burschenschafter-dominieren-Rathausklub

[3]          Siehe: Schiedel, Heribert: Korporierte Legenden. Zur burschenschaftlichen Geschichtsschreibung, S. 27-28, in: ÖH Uni Wien (Hg.): Völkische Verbindungen. Beiträge zum deutschnationalen Korporationsunwesen in Österreich, Wien  2009.